Stand: August 2026 · Zuletzt geprüft: 20.08.2026 · Lesezeit: 9 Minuten
Das Wichtigste in Kürze
- Mirtazapin ist ein Humanarzneimittel — für Hunde gibt es keine Zulassung, weder in der EU noch in den USA.
- Beim Hund wirkt es als Appetitanreger und gegen Übelkeit, meist als Zweitlinien-Maßnahme.
- Die orale Verfügbarkeit liegt beim Hund bei nur rund 20 Prozent — beim Menschen bei fast 50.
- 🔴 MAO-Hemmer wie Selegilin und Amitraz sind die zentrale Gefahr — 14 Tage Abstand, davor und danach.
Mirtazapin für Hunde taucht meist in einer schwierigen Phase auf: Der Hund ist krank, er frisst nicht mehr. Und die Praxis schlägt ein Mittel vor, das eigentlich ein Antidepressivum für Menschen ist. Aus meiner Erfahrung heraus verunsichert genau das — dabei geht es hier nicht um die Stimmung des Hundes, sondern um zwei ganz konkrete Nebeneffekte des Wirkstoffs: Er macht hungrig und er dämpft Übelkeit.
Die kurze Antwort
Ein verschreibungspflichtiges Humanarzneimittel, das die Praxis beim Hund umwidmet. Es stimuliert den Appetit und dämpft Übelkeit — es heilt nichts.
Die wichtigste Warnung
Nie zusammen mit MAO-Hemmern (Selegilin, Amitraz). Alle laufenden Mittel offenlegen, auch Halsbänder und frei verkäufliche Beruhigungsmittel.
Warum ein Antidepressivum den Appetit weckt
Mirtazapin greift an mehreren Rezeptoren gleichzeitig an. Es blockiert zentrale Alpha-2-Rezeptoren, wodurch mehr Noradrenalin und Serotonin freigesetzt werden. Gleichzeitig blockiert es die Serotonin-Rezeptoren 5-HT2 und 5-HT3 sowie den Histamin-Rezeptor H1. Aus dieser Kombination ergibt sich die Aufgabenteilung, die CliniPharm beschreibt: Der Appetit steigt über den noradrenergen Effekt und den 5-HT2-Block, die Übelkeit lässt über den 5-HT3-Block nach. Die Müdigkeit kommt vom Histamin-Rezeptor — derselbe Mechanismus wie bei älteren Antihistaminika.

Zwei Zahlen erklären, warum sich Human- und Hundedosis nicht ineinander umrechnen lassen: Beim Hund gelangen nur etwa 20 Prozent des geschluckten Wirkstoffs in den Blutkreislauf, beim Menschen fast 50 Prozent. Und die Halbwertszeit liegt beim Hund bei gut sechs Stunden. Die Katze wiederum baut den Stoff deutlich langsamer ab — Katzendosierungen sind auf den Hund also ebenso wenig übertragbar wie umgekehrt.
Dosierung und Wirkstärken: warum hier keine Zahl steht
Das ist die meistgestellte Frage zu diesem Wirkstoff — und die einzige ehrliche Antwort lautet: Es gibt keinen Konsens. Das MSD Veterinary Manual nennt eine nach Gewichtsklassen gestaffelte Festdosis einmal täglich. Die Übersichtsarbeit von De Santis und Kollegen (Animals 2022) nennt dagegen ein Milligramm-pro-Kilogramm-Schema alle zwölf Stunden. Zwei anerkannte Fachquellen, zwei grundverschiedene Schemata.
Die Humantabletten gibt es in 15, 30 und 45 Milligramm — deshalb taucht "Mirtazapin 15 mg" so häufig in Suchanfragen auf. Diese Zahl beschreibt aber nur, was in der Tablette steckt, nicht was dein Hund braucht. Dazu kommt: Dosiserhöhungen sollen nicht häufiger als alle 7 bis 14 Tage erfolgen. Eine eigenmächtige Steigerung, weil "nichts passiert", ist ausdrücklich nicht vorgesehen — zumal die Wirkung laut Datenlage im Schnitt erst nach rund zwei Stunden einsetzt.
Mirataz: zugelassen, aber nicht für Hunde
Hier lohnt eine Klarstellung, weil im Netz beides falsch kursiert. Mirataz ist eine Mirtazapin-Salbe, die auf die Innenseite der Ohrmuschel aufgetragen wird. Sie ist nicht nur in den USA zugelassen, sondern laut Europäischer Arzneimittel-Agentur seit dem 10. Dezember 2019 EU-weit. Der entscheidende Punkt steht aber im Kleingedruckten: Die Zulassung gilt ausschließlich für Katzen. Für den Hund ist die Anwendung über die Haut überhaupt nicht untersucht — sämtliche Daten zu Wirksamkeit, Sicherheit und Aufnahme stammen aus Katzenstudien.

Praktisch heißt das für Haushalte mit Hund und Katze: Die Katzensalbe gehört nicht an den Hund. Die für den Hund verordnete Humantablette gehört niemals an die Katze. Dosierungen und Abstände unterscheiden sich um ein Vielfaches.
Nebenwirkungen und das Zeitfenster im Notfall
Die häufigste unerwünschte Wirkung ist laut CliniPharm die Sedierung: Der Hund ist benommen und müde. Dosisabhängig kommen Blutdruckabfall und beschleunigter Herzschlag dazu. Bei Assistenz-, Rettungs- oder Diensthunden ist zusätzlich zu bedenken, dass Aufmerksamkeit und Konzentration nachlassen können.
Für den Fall, dass ein Hund an eine Packung gerät, sind zwei Dinge wichtig. Erstens die Anzeichen: In der bei CliniPharm dokumentierten Auswertung des ASPCA-Giftnotrufs von 21 symptomatischen Hunden zeigten sich Unruhe bei 52 Prozent, Lethargie bei 29 Prozent, vermehrtes Lautgeben und Hecheln bei je 19 Prozent sowie Zittern bei 14 Prozent. Zweitens das Tempo: Das MSD Veterinary Manual setzt das Zeitfenster für eine Erstversorgung bei Mirtazapin auf 15 bis 30 Minuten an — deutlich enger als bei anderen Antidepressiva. Also anrufen, sofort.
Sofort tierärztlich vorstellen bei
- Zittern, Muskelzucken, starker Unruhe oder Krampfanfällen.
- Torkeln, Koordinationsverlust, verändertem Bewusstsein.
- Durchfall zusammen mit erhöhter Körpertemperatur.
- Auffällig schnellem Herzschlag — treten drei dieser Zeichen zusammen auf, gilt das als Hinweis auf ein Serotonin-Syndrom.
Für den Ernstfall vorbereitet sein: Erste Hilfe beim Hund.

Was Mirtazapin nicht leistet
Meine langjährige Erfahrung mit Fällen, in denen ein Hund plötzlich nicht mehr frisst: Der fehlende Appetit ist fast nie das Problem selbst, sondern die Anzeige dafür. Zahnschmerz, Übelkeit, Schmerz irgendwo im Körper, eine Nieren- oder Lebererkrankung, ein Fremdkörper. Wer den Appetit anschaltet, ohne die Ursache zu kennen, überdeckt genau das Signal, das zur Diagnose führen würde.
- Frisst er gar nichts mehr? Bauchschmerzen beim Hund ordnet die häufigsten Ursachen.
- Bei Übelkeit und Erbrechen lohnt Erbrechen beim Hund.
- Appetitverlust mit Bauchschmerz: Bauchspeicheldrüsenentzündung.
- Zu den Organbefunden dahinter: Nierenerkrankung beim Hund.
- Ein häufig parallel verordnetes Mittel gegen Übelkeit ist Vomex.
Mirtazapin beim Hund auf einen Blick.
Fazit: Mirtazapin kann einem kranken Hund über eine Phase helfen, in der er sonst nicht fressen würde. Die Datenlage (Theodoro et al., Animals 2025) ordnet es beim Hund als Zweitlinien-Maßnahme in der akuten Phase ein — mit dünnerer Evidenz als bei der Katze. Zwei Dinge bleiben bei dir: die vollständige Medikamentenliste offenlegen, damit die MAO-Hemmer-Falle ausgeschlossen werden kann. Und genau beobachten, was dein Hund wirklich frisst. Ohne diese Rückmeldung kann niemand die Dosis richtig einstellen.
Häufige Fragen zu Mirtazapin beim Hund
Wofür bekommt ein Hund Mirtazapin?
Als Appetitanreger und gegen Übelkeit. Eingesetzt wird es vor allem, wenn ein Hund wegen Nieren-, Leber-, Magen-Darm- oder Tumorerkrankung nicht frisst. Es behandelt nicht die Ursache, sondern hilft über eine Phase hinweg.
Wie viel Mirtazapin bekommt ein Hund?
Das legt allein die Tierarztpraxis fest. Die Fachliteratur ist sich uneinig: Das MSD Veterinary Manual nennt eine gewichtsgestaffelte Festdosis einmal täglich, eine Übersichtsarbeit von 2022 dagegen ein Milligramm-pro-Kilo-Schema alle zwölf Stunden. Genau diese Diskrepanz zeigt, warum die Dosis am einzelnen Hund gefunden werden muss.
Was bedeuten die 15 mg auf der Packung?
Das ist die Wirkstärke der Humantablette. Übliche Stärken sind 15 mg, 30 mg und 45 mg. Welche Stärke in welchem Bruchteil für deinen Hund passt, ergibt sich aus der Verordnung — nicht aus der Packungsgröße.
Wie schnell wirkt Mirtazapin beim Hund?
In einer Studie von 2025 lag die durchschnittliche Zeit bis zur Futteraufnahme bei etwa 120 Minuten. Wenn in der ersten Stunde nichts passiert, ist das also noch kein Therapieversagen.
Welche Nebenwirkungen hat Mirtazapin beim Hund?
Am häufigsten Müdigkeit und Benommenheit — sie entsteht über die Blockade des Histamin-Rezeptors. Dosisabhängig kommen Blutdruckabfall und beschleunigter Herzschlag vor. Bei Arbeits- und Assistenzhunden ist zusätzlich die eingeschränkte Konzentration ein eigener Abwägungspunkt.
🔴 Welche Kombination ist beim Hund gefährlich?
MAO-Hemmer. Mirtazapin ist kontraindiziert, wenn in den letzten 14 Tagen ein solches Mittel gegeben wurde — genannt werden Selegilin und Amitraz. Selegilin ist in Deutschland als Selgian für Hunde zugelassen, Amitraz steckt in manchen Antiparasitika. Diese Kombination ist also real möglich und muss aktiv ausgeschlossen werden.
Was ist Mirataz und darf mein Hund das bekommen?
Mirataz ist eine Mirtazapin-Salbe zum Auftragen auf die Ohrmuschel. Sie ist seit Dezember 2019 EU-weit zugelassen — aber ausschließlich für Katzen. Für Hunde ist die Anwendung über die Haut nicht untersucht, die gesamte Datenlage stammt aus Katzenstudien.
Darf ich meine eigenen Tabletten geben?
Nein. Mirtazapin ist verschreibungspflichtig. Beim Hund ist zusätzlich eine tierärztliche Umwidmung nötig. Weder eine halbe Tablette noch ein einmaliger Versuch sind zulässig.
Mein Hund hat Tabletten gefressen — was jetzt?
Sofort die Tierarztpraxis oder den Notdienst anrufen. Das Zeitfenster für eine Erstversorgung ist bei Mirtazapin sehr eng — deutlich enger als bei anderen Antidepressiva. Nicht abwarten, keine Hausmittel.
Woran erkenne ich eine Überdosierung?
In einer Auswertung von 21 betroffenen Hunden traten auf: Unruhe bei etwa der Hälfte, Lethargie bei knapp einem Drittel, dazu vermehrtes Lautgeben, Hecheln und Zittern. Die Anzeichen zeigen sich meist innerhalb von 15 Minuten bis 3 Stunden.
Wirkt Mirtazapin bei Nieren- oder Leberkranken anders?
Vermutlich ja — der Abbau läuft über die Leber. Bei eingeschränkter Funktion bleibt der Wirkstoff länger im Körper. Eine belastbare Anpassungsformel für nierenkranke Hunde existiert nicht, weil entsprechende Studien beim Hund fehlen. Die Anpassung erfolgt deshalb klinisch.
Was soll ich der Praxis zurückmelden?
Wie viel dein Hund tatsächlich gefressen hat, den Gewichtsverlauf, Erbrechen, wie müde er ist, Zittern, Unruhe oder auffälliges Hecheln. Diese Beobachtungen sind die Grundlage jeder Dosisanpassung.
Quellen
- CliniPharm (Vetpharm, Universität Zürich) – Mirtazapin: Pharmakokinetik
- MSD Veterinary Manual – Drugs Affecting Appetite in Monogastric Animals
- MSD Veterinary Manual – Toxicoses From Human Antidepressants, Anxiolytics and Sleep Aids
- Europäische Arzneimittel-Agentur – Mirataz (EPAR), zugelassen für Katzen
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Über den Autor

Christoph Gärtner
Co-Gründer von Lucky Pets
Lucky Pets ist aus einer einfachen Frage entstanden: Warum ist es so schwer, für den eigenen Hund etwas zu finden, das hält, was auf der Dose steht? Statt uns mit Füllstoffen und Versprechen zufriedenzugeben, haben wir angefangen, es selbst zu machen.
Gemeinsam mit Tierärzten und Ernährungsexperten entwickeln wir Ergänzungsfutter mit pflanzlichen Zutaten, das in den Alltag passt. In Deutschland hergestellt und von über 80.000 Hundehaltern im Alltag erprobt.
Dieser Ratgeber ersetzt keine tierärztliche Diagnose oder Verordnung. Mirtazapin ist verschreibungspflichtig und für Hunde nicht zugelassen — Dosis, Abstand und Dauer legt ausschließlich deine Tierarztpraxis fest.
