Stand: August 2026 · Zuletzt geprüft: 27.08.2026 · Lesezeit: 11 Minuten
Das Wichtigste in Kürze
- Jagen belohnt sich selbst. Es ist kein Ungehorsam.
- Strafgeräte verschärfen das Problem, statt es zu lösen.
- Die Schleppleine am Geschirr ist das wichtigste Werkzeug.
- In der Brut- und Setzzeit gilt vielerorts die Leine.
Den Jagdtrieb bei Hunden zu kontrollieren heißt nicht, ihn abzuschaffen. Jagen gehört zum Hund wie das Schnüffeln. Du kannst es lenken, du kannst es unterbrechen, du kannst ihm ein erlaubtes Ventil geben. Ausschalten lässt es sich nicht. Jeder Versuch in diese Richtung geht auf Kosten des Hundes.
Die kurze Antwort
Jagdverhalten belohnt sich selbst. Der Hund braucht dafür kein Lob von dir, das Rennen allein trägt sich. Deshalb wirkt Training nur vor dem Start, nicht mitten im Lauf. Schleppleine, ein sauber aufgebauter Rückruf und ein erlaubtes Ersatzventil sind die drei Hebel, die tragen.
Was du sofort ändern kannst
Lauf deinem Hund nie hinterher und schrei ihm nicht nach. Beides feuert ihn an. Bleib stehen, ruf einmal freundlich, geh in die andere Richtung. Und leine ihn in Feld und Wald an, bis der Rückruf unter Ablenkung wirklich sitzt.
Warum Jagen kein Ungehorsam ist
Viele Halter erleben den Moment als persönliche Kränkung. Der Hund hört sonst zuverlässig, doch sobald ein Reh aufsteht, ist er weg. Das hat mit Erziehung wenig zu tun.
Jagen erzeugt im Hund ein starkes Wohlgefühl, das ganz ohne dich auskommt. Fachleute nennen das selbstbelohnendes Verhalten. das Merkblatt Nr. 199 der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz verwendet für den Jagdablauf genau diesen Ausdruck. Gegen ein Gefühl, das sich von selbst trägt, kommt kein Leckerli an.
Das MSD Veterinary Manual beschreibt jagdliches Verhalten als Anschleichen, Verfolgen und Fangen kleiner Tiere. Auffällig daran: Es läuft meist leise ab und kommt plötzlich. Ein bellender Hund am Zaun jagt nicht, er regt sich auf. Was solche Unterschiede im Alltag bedeuten, zeigt Hundeverhalten deuten.
Aus meiner Erfahrung heraus ist diese Einordnung der wichtigste Schritt. Wer das Jagen als Frechheit versteht, greift zu Druck. Wer es als Bedürfnis versteht, sucht ein Ventil und einen Abbruch.

Die fünf Stufen, in denen Jagen abläuft
Ich zerlege den Ablauf im Alltag in fünf Stufen. Diese Einteilung ist keine Wissenschaft, sondern eine Arbeitshilfe. Sie zeigt dir, wo du noch eine Chance hast und wo nicht mehr.
Je früher du einsteigst, desto weniger Kraft brauchst du.
Die ganze Arbeit liegt auf Stufe eins und zwei. Wer erst reagiert, wenn der Hund rennt, kommt zu spät. Deshalb übe ich mit meinen Kunden vor allem eins: den Blick für den Moment, in dem der Hund langsamer wird.
Diese Vorzeichen sind fein. Ein kurzes Anhalten, ein steifer Rücken, Ohren, die sich drehen. Wie du solche Feinheiten grundsätzlich liest, steht in Hundekommunikation.
Warum Strafgeräte die Lage verschlimmern
Sprüh-, Stachel- und Elektroreizhalsbänder werden bis heute als Lösung gegen das Jagen verkauft. Fachlich hält davon nichts stand, rechtlich vieles gar nicht.
Das TVT-Merkblatt beschreibt das Kernproblem nüchtern. Damit ein Strafreiz gegen ausgeprägten Jagdtrieb überhaupt ankommt, muss er außerordentlich hoch sein — und verursacht dann erhebliche Schmerzen. Ist er schwächer, bleibt er wirkungslos, weil die eigene Belohnung des Jagens stärker zieht.
Was dabei schiefgeht, laut TVT-Merkblatt Nr. 199
- Der Hund verknüpft den Schmerz mit dem falschen Auslöser: dem Ort, einem Geräusch, einem anderen Hund oder mit dir.
- Aus solchen Fehlverknüpfungen entstehen neue Verhaltensprobleme.
- Es droht unkontrolliertes Verhalten, etwa panikartige Flucht.
- Möglich ist auch Aggression gegen zufällig anwesende Menschen oder Tiere.
- Deutliche Wesensveränderungen treten besonders bei ängstlichen Hunden auf.
Dazu kommt: Die Wirkung hängt von Fell, Hautdicke und Tagesform ab. Derselbe Knopfdruck trifft denselben Hund an zwei Tagen unterschiedlich hart.
Der rechtliche Rahmen ist eindeutig. § 3 des Tierschutzgesetzes verbietet es, ein Tier auszubilden oder zu trainieren, wenn damit erhebliche Schmerzen, Leiden oder Schäden verbunden sind. Stachelhalsbänder sind seit dem 1. Januar 2022 zusätzlich ausdrücklich untersagt, wie das Merkblatt unter Verweis auf die Tierschutz-Hundeverordnung festhält.
Auch das MSD Veterinary Manual bleibt bei diesem Punkt deutlich. Körperliche Strafe samt Stachel- und Elektroreizhalsband macht einen ohnehin aggressiven Hund fast ausnahmslos schlimmer. Moderne Ausbildung arbeitet stattdessen mit Belohnung für erwünschtes Verhalten.
Die Schleppleine, richtig eingesetzt
Ohne Schleppleine geht es nicht. Sie ist kein Erziehungsmittel, sondern eine Sicherung: Solange der Rückruf noch nicht trägt, kann dein Hund keinen Fehler machen, den er anschließend übt.

Beim Material bin ich streng. Dünne Leinen schneiden ein, wenn sich ein Hund darin verheddert. Beim plötzlichen Stopp im vollen Lauf trifft die volle Kraft die Halswirbelsäule. Genau davor warnt das TVT-Merkblatt.
- Immer ans Brustgeschirr, nie ans Halsband
- Fünf bis zehn Meter genügen am Anfang
- Breites, geflochtenes Band statt dünner Rundschnur
- Ohne Handschlaufe, damit nichts hängen bleibt
- Nicht in dichtem Unterholz einsetzen
- Nach jedem Einsatz auf Scheuerstellen prüfen
Die Leine liegt bei mir meist am Boden und schleift mit. Ich greife sie nur, wenn ich sie brauche. Wer damit Leinenführigkeit üben will, findet den Aufbau dafür in Hund zieht an der Leine.
Antijagdtraining: die vier Bausteine
Antijagdtraining klingt nach einem Kursprogramm. In Wahrheit sind es vier Dinge, die parallel laufen. Fehlt eines davon, bricht das Ganze im entscheidenden Moment zusammen.
Vier Bausteine, die zusammen wirken.
Der Rückruf ist das Herzstück. Er darf nie mit dem Ende des Spaziergangs verknüpft sein, sonst rechnet dein Hund beim Rufen mit Verlust. Den vollständigen Aufbau in kleinen Schritten findest du in Rückruf trainieren.
Beim Abbruch mache ich es einfach. Ein kurzer Laut, dann sofort ein Angebot: Futter am Boden, ein geworfener Ball, ein Suchspiel. Der Hund lernt, dass sich das Umdrehen mehr lohnt als das Starren.
Das Ersatzventil ist der Teil, den die meisten unterschätzen. Nasenarbeit trifft das Jagdbedürfnis am nächsten, weil sie mit derselben Stufe beginnt: dem Suchen. Wie du damit anfängst, steht in Nasenarbeit mit dem Hund. Für Hunde, die lieber rennen, ist Apportieren das passendere Ventil.
Mein Tipp: Ich lege den Ersatz immer vor die Reizsituation. Wer erst sucht, wenn das Reh schon steht, ist zu spät. Wer auf dem Weg dorthin dreimal Futter gesucht hat, geht viel ruhiger an der Wiese vorbei.
Manche Hunde verlagern ihre Anspannung ins Buddeln, sobald das Jagen nicht klappt. Warum das passiert, steht in Warum Hunde buddeln.
Was rechtlich gilt
Beim Jagdtrieb hört der Spaß spätestens dort auf, wo Wild betroffen ist. Zwei Regeln solltest du kennen, bevor du deinen Hund draußen ableinst.

Das Bundesjagdgesetz zählt in § 23 den Schutz des Wildes vor wildernden Hunden ausdrücklich zum Jagdschutz. Was daraus im Einzelfall folgt, bestimmen die Länder unterschiedlich. In manchen Bundesländern darf ein Hund, der Wild hetzt, unter engen Voraussetzungen geschossen werden.
Dazu kommt die Anleinpflicht in der Brut- und Setzzeit, also im Frühjahr und Frühsommer. Sie gilt in vielen Bundesländern für Wald und freie Landschaft. Welche Wochen genau gelten und welche Wege betroffen sind, legt jedes Land selbst fest. Ein Blick in die Hundeverordnung oder das Jagdgesetz deines Landes klärt das in fünf Minuten.
Das Tierschutzgesetz verbietet außerdem, ein Tier auf ein anderes zu hetzen, soweit die Grundsätze weidgerechter Jagdausübung das nicht erfordern. Das sogenannte Anhetzen als Spiel ist damit vom Tisch.
Mein Tipp: Ich notiere mir die Zeiten der Brut- und Setzzeit im Kalender meines Handys. Das kostet zwei Minuten und erspart eine unangenehme Begegnung mit dem Revierinhaber.
Wenn die Anspannung nicht runtergeht
Manche Hunde stehen dauerhaft unter Strom und finden auch daheim schwer zur Ruhe. Weil die Frage regelmäßig kommt, hier die sachliche Einordnung. Unsere Relax Tabletten sind ein Ergänzungsfuttermittel in einer 150-Gramm-Dose.

Darin stecken inaktivierte Bierhefe, gemahlene Hanfsaat, Taigawurzel, Magnesiumgluconat, Baldrianwurzel, Hopfenblüten, Hefeerzeugnisse und Geflügellebermehl. Als Zusatzstoff kommt L-Tryptophan mit 40 Gramm je Kilogramm dazu. Gegeben wird zum normalen Futter, über sechs Wochen oder länger.
Hunde mit einer Geflügelallergie bekommen sie nicht. Ein Ergänzungsfuttermittel ersetzt weder das Training noch die Leine. Meine langjährige Erfahrung sagt: Ohne Schleppleine und ohne sauberen Rückruf hilft im Ernstfall gar nichts.
Fazit: Den Jagdtrieb bei Hunden zu kontrollieren gelingt über Timing, nicht über Druck. Jagen belohnt sich selbst — deshalb spricht das Merkblatt Nr. 199 der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz von selbstbelohnendem Jagdverhalten und rechnet vor, dass ein wirksamer Strafreiz erhebliche Schmerzen verursachen müsste. Stachelhalsbänder sind seit 2022 verboten. § 3 des Tierschutzgesetzes untersagt jedes Training, das erhebliche Schmerzen bringt. Was bleibt, sind vier Bausteine: ein Rückruf, der nie das Ende bedeutet, ein Abbruch mit sofortigem Angebot, ein erlaubtes Ventil wie Nasenarbeit oder Apportieren und eine Schleppleine am Geschirr. Dazu die Leine in der Brut- und Setzzeit. Und der Blick für Stufe eins, wenn dein Hund nur langsamer wird.
Häufige Fragen zum Jagdtrieb beim Hund
Kann man einem Hund den Jagdtrieb abgewöhnen?
Nein. Jagen gehört zum normalen Verhalten. Du kannst es lenken, unterbrechen und in erlaubte Bahnen bringen. Wegtrainieren lässt es sich nicht.
Ist Jagen Ungehorsam?
Nein. Der Hund belohnt sich beim Jagen selbst. Gegen dieses Gefühl kommt kein Leckerli und kein Kommando an, solange er schon rennt.
Hilft ein Elektroreizhalsband gegen den Jagdtrieb?
Nein. Laut dem Merkblatt Nr. 199 der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz müsste der Reiz bei ausgeprägtem Jagdtrieb so stark sein, dass er erhebliche Schmerzen verursacht.
Jagdtrieb beim Hund kontrollieren: Sind Stachelhalsbänder erlaubt?
Nein. Sie sind seit dem 1. Januar 2022 ausdrücklich verboten, zusammen mit allen anderen für Hunde schmerzhaften Mitteln in Erziehung und Training.
Ab welchem Alter fängt das Jagen an?
Oft im Lauf des zweiten Lebensjahres, manchmal früher. Vielen Haltern fällt es daran auf, dass der Rückruf auf einmal nicht mehr trägt.
Woran erkenne ich, dass mein Hund gleich losrennt?
Er wird langsamer, hebt den Kopf, stellt die Ohren auf und starrt in eine Richtung. Dieser Moment ist deine Chance.
Wie lang sollte eine Schleppleine sein?
Fünf bis zehn Meter reichen für den Anfang. Sie gehört ans Geschirr, weil ein plötzlicher Stopp im vollen Lauf sonst die Halswirbelsäule trifft.
Muss ich meinen Hund im Frühjahr anleinen?
In der Brut- und Setzzeit gilt in vielen Bundesländern eine Anleinpflicht in Wald und freier Landschaft. Die genauen Wochen legt jedes Land selbst fest.
Darf ein wildernder Hund erschossen werden?
Das Bundesjagdgesetz zählt wildernde Hunde ausdrücklich zum Jagdschutz. Was daraus folgt, bestimmen die Länder unterschiedlich.
Jagdtrieb beim Hund kontrollieren: Was ist ein Alternativverhalten?
Eine Handlung, die dein Hund statt des Hetzens zeigt. Bei mir sind das der Blickkontakt, das Umdrehen oder das Suchen am Boden.
Reicht mehr Auslastung gegen das Jagen?
Allein nicht. Ein müder Hund jagt trotzdem. Beschäftigung senkt die Anspannung, das Training macht den Unterschied.
Jagdtrieb beim Hund kontrollieren: Wann hole ich mir Hilfe?
Wenn dein Hund Wild bereits gehetzt hat oder wenn er auf Radfahrer, Autos und Jogger anspringt. Dann gehört eine qualifizierte Begleitung dazu.
Quellen
- TVT e. V. – Merkblatt Nr. 199 „Tierschutzwidriges Zubehör für Hunde“ (Stand Mai 2026)
- § 3 Tierschutzgesetz (gesetze-im-internet.de)
- § 23 Bundesjagdgesetz – Inhalt des Jagdschutzes (gesetze-im-internet.de)
- MSD Veterinary Manual – Behavior Problems in Dogs
Über den Autor

Kevin Roth
Co-Gründer von Lucky Pets
Die Idee hinter Lucky Pets entstand aus der Erfahrung, dass viele Alltagsbeschwerden bei Hunden falsch behandelt oder einfach ausgesessen werden. Unser Ziel war eine Lösung, die im Alltag wirklich funktioniert, ohne Stress für Hund und Halter.
Gemeinsam mit Tierärzten und Ernährungsexperten entwickeln wir Ergänzungsfutter mit pflanzlichen Zutaten, das du deinem Hund einfach zum Futter gibst. In Deutschland hergestellt — und von über 80.000 Hundehaltern im Alltag erprobt.
Dieser Ratgeber ersetzt keine tierärztliche Beratung. Hunde, die bereits Wild gehetzt haben oder auf Menschen und Fahrzeuge losgehen, gehören in eine qualifizierte Verhaltensberatung und in die Tierarztpraxis.
